„Deutschland hat mir geholfen, jetzt will ich den Deutschen helfen.“

Najib Killawi, 45, Arzt aus Syrien

Najib Killawi, 45, ist in Syrien geboren und aufgewachsen. Er war 15 Jahre lang Arzt, jetzt ist er seit vier Jahren Flüchtling und wartet in Regensburg auf seine Arbeitserlaubnis, seine Familie und auf die Rückkehr zur Normalität.

Ich wurde in Syrien vom Assad-Regime verhaftet, zusammen mit anderen Ärzten. Weil wir gegen den Krieg waren. Nach sechs Monaten kam ich frei und habe mein Land 2014 verlassen. Mit meiner Familie bin ich zuerst nach Saudi Arabien gegangen, weil meine Frau dort geboren ist. Als Syrer bekam ich aber keine Aufenthalts- und erst recht keine Arbeitserlaubnis. Nach zehn Monaten musste ich raus. Ich beschloss, nach Deutschland zu gehen, meine Frau und meine Tochter wollte ich später nachholen. Die Reise war zu gefährlich für sie. Zuerst in die Türkei, von Izmir heimlich übers Meer, und dann über den Balkan bis nach München.

In Syrien habe ich 15 Jahre lang als Arzt gearbeitet. Morgens in einem staatlichen Krankenhaus als Gerichtsmediziner, abends in meiner eigenen Praxis als Allgemeinarzt. Ich will wieder als Arzt arbeiten und ich weiß, dass ich dafür in Deutschland viel lernen muss. Aber ich hätte nie erwartet, dass Deutschland so bürokratisch ist. Für meine Zulassung als Arzt habe ich schon über 200 Unterlagen an die Regierung Oberbayern geschickt – sogar meine Stundenpläne aus der Universität. Ich habe Anfang der 90er sieben Jahre in der Ukraine studiert. Die musste ich erst mal bekommen, ich kenne dort niemanden mehr. Der Prozess in Deutschland dauert Jahre.

2017 machte ich in einer Klinik in Regensburg ein Praktikum, jetzt habe ich zumindest einen Eindruck von der Arbeit hier. Es ist anders als in Syrien. Die Technik ist besser, es ist sauberer. Mein Chef hat mir mal gesagt: „Sehen Sie Herr Killawi, die Deutschen leben länger als die Syrer“, und er hat recht. Ich hatte viele Patienten, die 80 und älter sind, es ist ein gutes System.

Nur, dass die Patienten so lange warten müssen, gefällt mir nicht. Wenn ich jemanden zehn Minuten behandle, muss ich danach eine halbe Stunde schreiben, während draußen Menschen mit Schmerzen warten. Ich würde lieber zuerst die Menschen untersuchen und dann den Papierkram erledigen. Aber auch da ist die Bürokratie stärker. Ich habe meinem Chef gesagt: „Die Deutschen leben auch länger, weil sie immer gleich zum Arzt gehen. Und vielleicht, weil sie ihren Tee nicht mit fünf Löffeln Zucker trinken.“

Weil ich Berufserfahrung habe, kann ich in Bayern jetzt eine Sprachprüfung für Ärzte ablegen und bekomme dann eine begrenzte Arbeitserlaubnis: nur in Bayern und nur auf meinem Fachgebiet. Die Prüfung ist im März. Wenn ich bestehe, kann ich in einem Krankenhaus in der Nähe von Regensburg anfangen und nach vier Jahren endlich wieder als Arzt arbeiten.

Deutschland hat mir geholfen, mir ein neues Leben zu gegeben. Ich möchte den Deutschen auch helfen, mit meinen Kenntnissen und meiner Arbeit. Ich bin bereit, dafür zu lernen und zu arbeiten. Ich halte mich an die deutschen Gesetze, besuche alle Kurse. Trotzdem ist meine Familie noch immer in Saudi Arabien. Zwar habe ich Anspruch auf Familiennachzug, das heißt, eigentlich darf ich meine Frau und Tochter nachholen. Aber die deutsche Botschaft stellt ihnen kein Visum aus. Und ich kann sie nicht besuchen. Ich respektiere die Regeln, die Bürokratie und das Warten. Aber ich fühle mich, als wäre ich im Gefängnis. Stellen Sie sich vor, ihre Familie ist woanders und Sie müssen jahrelang Kurse machen, lernen und warten. Ich habe Klage eingereicht, das Verfahren läuft noch. Solange muss ich weiter warten, bevor mein Leben wieder normal wird.

Die Zahlen
Die Situation
Die Bürokratie

„Beim Warten vergesse ich, was ich gelernt habe“

Ali Ibrahim, 29, abgeschlossenes Medizinstudium

Ali Ibrahim, 29, kommt aus Syrien. Von 2008 bis 2015 studierte er in der Ukraine Medizin und machte in den Semesterferien Praktika in einem Krankenhaus in Syrien, bis der Krieg ausbrach. Jetzt wartet er in Regensburg darauf, endlich als Arzt arbeiten zu dürfen.

Ich stecke in einer Sackgasse. 2015 habe ich mein Medizinstudium in der Ukraine abgeschlossen, danach bin ich in die Türkei gereist, wo Freunde von mir als Flüchtlinge lebten. Aber die Lage dort war katastrophal. Ich durfte nicht arbeiten, konnte nichts mit meinem Leben anfangen. Syrer bekamen dort keine Unterstützung. Also habe ich mich auf den Weg nach Deutschland gemacht, in einem LKW über den Balkan. Nur, um zu erfahren, dass ich auch hier nicht als Arzt arbeiten kann.

Das Problem: Um die Approbation zu bekommen, fehlt mir ein Jahr Praxiserfahrung. Das ist in Deutschland im Studium integriert, in der Ukraine nicht. Ich habe der Regierung von Unterfranken alle meine Papiere geschickt, aber die Antwort war bloß: Du hast nicht genug Erfahrung. Nun habe ich zwei Möglichkeiten: Ich kann mich in Deutschland auf einen Studienplatz bewerben und nochmal für zwei Jahre zum Studieren an die Universität. Aber die Plätze sind begrenzt. Eine Freundin von mir wartet seit zwei Jahren auf ihren Studienplatz. Ich habe sieben Jahre Medizin studiert, jetzt soll ich nochmal vier Jahre warten, bevor ich meinen Beruf ausüben darf? Dabei werden in Deutschland doch Ärzte gesucht werden.

Die zweite Möglichkeit: Ich gehe zurück in die Ukraine und arbeite dort für ein Jahr, um die nötigen Voraussetzungen der deutschen Behörden zu erfüllen. Aber damit verliere ich meine Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland, dann kann ich nicht wieder zurückkommen. Dafür habe ich zu viel investiert. Ich habe Deutsch gelernt, hier ein Zuhause gefunden, das will ich nicht aufgeben.

Ich wünsche mir, hier ein praktisches Jahr machen zu können. Dann könnte ich Erfahrung sammeln, die Praxis in Deutschland und die medizinische Sprache lernen. Mit meinem Wissen und meiner Arbeit könnte ich den Deutschen etwas zurückgeben. Ich könnte meine Steuern zahlen, anstatt auf Unterstützung angewiesen zu sein.

Stattdessen bin ich hin- und hergerissen und stehe überall vor Barrieren. Dabei will ich ja mehr Integration: Beim Roten Kreuz arbeite ich als Ersthelfer. Aber als Arzt darf ich nicht arbeiten. Sieben Jahre lang habe ich für meinen Beruf gelernt, und dann macht mein Studium hier plötzlich keinen Sinn. Und je länger ich nicht als Arzt tätig sein kann, desto mehr vergesse ich Stück für Stück, was ich in all den Jahren gelernt habe.

Bilder: Privat