Was immer in Wildsteig passiert ist: die Bilder davon müssen schrecklich sein. So schrecklich, dass die Blogger von „Halle-Leaks“ selbst Außenfotos des örtlichen Asylheims mit schwarzen Rändern verhüllen, wenn sie über den Fall schreiben. Trauerverhangen wie einen Tatort. „Krätze grassiert bei Flüchtlingen in Wildsteig“, steht auf der Fotomontage, und: „Sogar den Helfern ist es zu eklig. Stellen jetzt die Arbeit ein.“

Die Betreiber der rechtsradikalen Website beziehen sich auf einen Fall, der sich im Mai 2015 in Oberbayern zugetragen hat. Im 1.300-Seelen-Dorf Wildsteig waren im Jahr zuvor zunächst 40, dann insgesamt 78 Flüchtlinge untergebracht worden. Ihre Betreuung übernahm ein kleiner Freiwilligenverein, der „Asylhelferkreis Wildsteig“. Was anfangs gut funktionierte, sorgte jedoch schon bald für organisatorische Probleme: Wildsteig sehe sich „misshandelt vom Landratsamt“, klagte Bürgermeister Josef Taffertshofer gegenüber dem Münchner Merkur, weil die Maximalkapazität des Hauses längst überschritten sei. Der Brandschutz könne so nicht gewährleistet werden und von den rund zehn Hilferufen, die Freiwilligenverein und Kommune bisher gesendet hatte, habe man „auf kein einziges Schreiben eine Antwort erhalten.“

Und dann war da noch die Sache mit der Krätze: Fünf der 80 Flüchtlinge hatten sich mit der Hautkrankheit angesteckt. Der Asylhelferkreis stellte seine Arbeit vorübergehend ein – als Protest gegen die schlechte Organisation des Landratsamts. Oder, wie der Fall von rechten Bloggern interpretiert wurde: als Protest gegen kranke Flüchtlinge.

„Gutmenschen flüchten vor der Krätze“, titelte etwa der islamfeindliche Blog „Politically Incorrect“ in hämischem Ton: „Wir haben uns immer gefragt, was den gemeinen ‚Homo benignus‘ (der Gutmensch) dazu veranlassen könnte von seinem krankhaften Drang, alles zu ‚retten‘, ob es der Rettung bedarf oder nicht, abzulassen. Nun wissen wir es: die Krätze.“ Düstere Fotomontagen schafften es unter anderem in den rechtsradikalen Blog Halle-Leaks und von dort auf dutzende Facebook-Seiten im rechtsnationalen Spektrum. Der Landesverband der NPD Bayern gab seinen Fans gar einen guten Ratschlag für den Umgang mit Flüchtlingen mit auf den Weg: „Vermeidet besser den zu engen Kontakt damit!“

So laut und groß war die Aufregung, dass sich niemand die Mühe machte, in Wildsteig nachzufragen. Dabei waren zwei Tage später die Probleme im Dorf gelöst. Landrätin Andrea Jochner-Weiß versprach „weniger Zuweisungen, ärztliche Besuche und die umgehende Behandlung erkrankter Asylbewerber“. Sogar Spenden für einen Tischkicker wurden gesammelt. Der Helferkreis nahm seine Arbeit umgehend wieder auf – eine Nachricht, die kein einziges der erwähnten Portale auch nur erwähnte.

Eine derartige Instrumentalisierung von Krankheitsmeldungen in Asylheimen ist nicht ungewöhnlich, besonders deutlich wird sie bei Skabies, so der wissenschaftliche Fachbegriff für Krätze. 45 Artikel zum Thema wurden seit 2014 bei „Halle-Leaks“ veröffentlicht, 128 waren es bei „Politically Incorrect“. Der Tenor ist immer derselbe: Flüchtlinge schleppen die ausgestorbene Hautkrankheit nach Deutschland ein, wo es zu einer gefährlichen Krätze-Epidemie kommt.

Dabei stimmt an dieser These vieles nicht. Zum Einen war die Krätze niemals ausgestorben. Weltweit zählen Skabies mit einer Prävalenz von 130 Millionen Menschen zu den häufigsten Hauterkrankungen überhaupt. Zwar sind die Statistiken in Deutschland lückenhaft – anhand der (selten vorkommenden) stationären Aufnahmen lässt sich aber ein relativ regelmäßiges Auftreten nachzeichnen. Im Jahr 2000 etwa wurden laut Statistischem Bundesamt 2.727 Krätze-Fälle in Krankenhäusern stationär behandelt, ähnlich viele wie im Jahr 2015. In den Jahren dazwischen kam zu einem deutlichen Rückgang, der sich jedoch seit 2010 wieder umkehrte.

 

Quelle: „Diagnosedaten der Patienten und Patientinnen in
Krankenhäusern (einschl. Sterbe- und Stundenfälle)“; Statistisches Bundesamt

 

Einen Teil dieser Häufung dürfte die Flüchtlingskrise ausgelöst haben. Laut dem Robert Koch-Institut (RKI) kommt es bei Migrationsbewegungen häufiger zu Krätze-Ausbrüchen: „Einerseits stammen insbesondere Asylsuchende häufig aus Ländern, in denen die Prävalenz der Skabies hoch ist, andererseits erhöhen die Verhältnisse während der Flucht das Risiko, dass Krätzemilben von einer Person auf andere Personen übertragen werden.“ Gleichzeitig schreibt das RKI auch: „Skabies kann generell in allen Arten von Gemeinschaftsunterkünften und -einrichtungen, z.B. in Kindergärten, Schulen oder Pflegeheimen auftreten.“ Und das tut es auch: Immer wieder machten Krätze-Ausbrüche in überfüllten Pflegestrukturen in den vergangenen Jahren Schlagzeilen, die Krankheit ist keinesfalls nur auf Flüchtlingsunterkünfte beschränkt.

Dass es darüber jedoch keine genauen Zahlen gibt, hat viel mit dem Krankheitsbild selbst zu tun. Übertragen werden Skabies durch Krätzmilben. Deren bevorzugter Wirt: der Mensch. In der Regel geschieht die Übertragung durch engen Haut- oder Sexualkontakt, aber auch durch Bettwäsche, Kleidung oder sogar Plüschtiere. Die Folge sind leichtes Brennen, starker Juckreiz und ein unangenehmer Hautausschlag.

Die Therapie ist meist sehr einfach:. Cremes und seit kurzem auch oral einzunehmende Tabletten sind sehr effektiv, zusätzliche Maßnahmen wie eine stationäre Einweisung sind selten erforderlich. Aus diesem Grund ist Kärtze auch nicht meldepflichtig..

Für die These rechter Blogs spricht damit wenig: Weder schleppen Flüchtlinge die Krankheit ein, noch war sie in Deutschland jemals ausgestorben. Die vermeintliche „Epidemie“ ist auch nicht besonders gefährlich, wohl aber lassen sich seit 2010 steigende Fallzahlen wahrnehmen. Flüchtlingsunterkünfte tragen dazu bei, sind aber längst nicht die einzigen Orte, an denen Skabies übertragen werden.

„Tuberkulose ist für uns keine Gefahr“

Häufig werden Flüchtlinge verdächtigt, gefährliche Krankheiten nach Deutschland zu bringen. Aber wie hoch ist das Risiko wirklich? Ein Gespräch mit Dr. Brit Häcker vom Deutschen Zentralkommitee zur Bekämpfung der Tuberkulose (DZK e.V.)

Dr. Brit Häcker vom Deutschen Zentralkommitee zur Bekämpfung der Tuberkulose (DZK e.V.)

Frau Dr. Häcker, bringen “die Flüchtlinge” Tuberkulose nach Deutschland?

Das stimmt so nicht. Es gibt zwar eine Zunahme der Tuberkulosefälle insgesamt. Eine Auswertung des Robert-Koch-Institut hat aber ergeben, dass in der deutschen Bevölkerung die Fallzahlen sogar abnehmen. Die Zunahme ist bedingt durch mehr Migranten, die TuberkuloseDie Tuberkulose ist eine Infektionskrankheit, die durch Tuberkulosebakterien hervorgerufen wird (medizinischer Name: Mycobacterium tuberculosis). Die eingedrungenen Bakterien bilden in der Lunge einen tuberkulösen Entzündungsherd, der oft im Röntgenbild zu sehen ist. Auch Nieren, Knochen, Hirnhaut oder Bauchorgane können betroffen sein. aus ihren HerkunftsländernAn Tuberkulose starben 2015 weltweit rund 1,4 Millionen Menschen, so viel wie an keiner anderen Infektionskrankheit. Dennoch ist Tuberkulose in Deutschland eine extrem seltene Todesursache. Im Gegensatz zu vielen afrikanischen Ländern, wo die Tuberkulose stark verbreitet ist. mitbringen und nicht durch eine ÜbertragungÜbertragen wird Tuberkulose durch Tröpfcheninfektion, schon ein Niesen kann genügen. Menschen, die den Tuberkuloseerreger in sich tragen, werden aber nicht automatisch krank: Ungefähr jeder dritte Mensch auf der Welt ist zwar infiziert, aber von ihnen erkranken gerade mal 5 bis 10%. Das kann allerdings auch erst Jahrzehnte später sein, beispielsweise im Rentenalter. von Migranten auf Deutsche.

Weshalb ist das so?

Asylsuchende kommen häufig aus Ländern, in denen Tuberkulose-Erkrankungen verbreitet sind. Dort haben sie sich angesteckt und durch die Flucht wird das Immunsystem geschwächt. Dadurch erhöht sich das Risiko zu erkranken. Man geht davon aus, dass bei einem Großteil der Patienten eine sogenannte Reaktivierung stattfindet oder sie sich auf der Flucht anstecken. Aber eben nicht, dass in Deutschland viele Übertragungen passieren.

Um wie viele Fälle geht es denn?

Während der FlüchtlingskriseSeit 2013 ist in Deutschland die Zahl der gemeldeten Erkrankungsfälle von Tuberkulose gestiegen. Im Jahr 2015 waren es fast 30 Prozent mehr Fälle als im Vorjahr. Zeitgleich stieg auch der Ausländeranteil unter den Patienten um mehr als 20 Prozent: 2015 waren in rund 7 von 10 Tuberkulosefällen die Neuerkrankten nicht in Deutschland geboren. 2015 gab es in Deutschland rund6000 Tuberkulosefälle.In Deutschland werden die Daten von jedem, der an Tuberkulose erkrankt, inklusive Herkunftsland und Alter an das zuständige Gesundheitsamt übermittelt. Die Ämter übermitteln die Daten dann an das Robert-Koch-Institut, das diese dann nichtnamentlich auswertet.  Das sind bei 80 Millionen Menschen – oder mit den Migranten 81 Millionen – weniger als 0,01 Prozent.

Was geschieht mit Geflüchteten, die an Tuberkulose erkrankt sind und in Deutschland ankommen?

Das ist recht klar geregelt: Jeder Mensch, der in eine Gemeinschaftsunterkunft aufgenommen wird, muss ein Zeugnis vorlegen. Das belegt, dass sie oder er frei von einer aktiven Tuberkulose ist. Deshalb wird bei allen Personen, die in eine Erstaufnahmeeinrichtung ziehen, ein Röntgenbild gemacht. Egal ob Obdachlosenheim oder Flüchtlingsunterkunft, gefordert ist das vor dem Einzug.

Mycobacterium tuberculosis. Scanning electron microscopy. Bar = 1 µm. Gudrun Holland (2013)

Hat man das im Spätsommer 2015 denn überhaupt bedacht und gemacht?

Im Rahmen der Flüchtlingskrise haben die Behörden das ganz gut hinbekommen. Trotz der hohen Fallzahlen wurden rasch Röntgenbilder gemacht und diejenigen herausgefiltert, die auffällig waren. Man sucht nach Menschen mit ansteckender Lungentuberkulose, die Bakterien aushusten und damit andere anstecken können. Es gibt typische Symptome für eine Lungentuberkulose, zum Beispiel häufiges Husten, Nachtschweiß und Gewichtsverlust.

Wie bewerten Sie das Risiko für die Gesellschaft?

Tuberkulose ist ein individuelles Risiko für die Patienten und eine Herausforderung für das Gesundheitssystem, die Logistik und die behandelnden Ärzte. Eine Herausforderung, die ein hochentwickeltes Land wie Deutschland bewältigen können muss und kann. Es ist kein Problem für die Gesellschaft. Für den Normalbürger ist Tuberkulose generell keine Gefahr.