Kisten mit Lego, Stofftiere und Star-Wars-Brettspiele füllen die Regale des kleinen Büros. Menschen die hierher zu Rouwen Sehgal kommen, tragen schwere Schicksale in den warmen Raum: Sehgal ist Psychotherapeut bei „Refugio München“, einem Beratungs- und Behandlungszentrum für traumatisierte Flüchtlinge. Was sie in ihrer Heimat und während der Flucht erlebt haben, hinterlässt bei vielen tiefe seelische Verletzungen. Oft brechen sie aber erst im Exil richtig auf: Panikattacken, Depressionen, Flashbacks und Angstträume sind die Folge. Es sind die typischen Symptome der posttraumatischen Belastungsstörung. Bei Refugio bekommen Flüchtlinge Unterstützung, um über das zu sprechen, was sich für viele kaum in Worte fassen lässt. Insbesondere die Behandlung traumatisierter Kinder erfordert oft spezielle Methoden.

Für die Therapie eines Traumas ist es egal, woher der Patient stammt. „Aber wir wissen, dass in gewissen Gebieten bestimmte Erklärungen für psychische Krankheiten vorherrschen. “Menschen, die aus Afrika zu uns kommen, glauben zum Beispiel oft, dass sie verhext wurden oder unter einem Voodoo-Fluch stehen,“ sagt Sehgal. „Und dann müssen wir versuchen, ihnen klar zu machen, dass es für diese Symptome medizinische Erklärungen gibt.“ Hinzu kommt die sprachliche Barriere bei der Behandlung. Bei Kindern ist die Hürde zwar weniger groß, aber dennoch muss fast immer ein Dolmetscher anwesend sein, um die Therapie für beide Seiten verständlich zu machen.

Wie lange eine Trauma-Therapie dauert, ist von Fall zu Fall unterschiedlich: „Manche Behandlungen sind schon nach 15 bis 20 Stunden abgeschlossen. Andere gehen über ein Jahr oder länger,“ sagt Sehgal. Bei Refugio bekommen Flüchtlinge aber nicht nur therapeutische Hilfe. Das Zentrum bietet auch Sozialberatung, um sie besser zu integrieren. Das Problem: Insbesondere Transitzentren und Massenunterkünfte erschweren die Betreuung der Flüchtlinge – und verschärfen häufig ihren psychischen Gesundheitszustand.

Was ist eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)?

Mehr als  die Hälfte aller Menschen werden im Laufe ihres Lebens mindestens einmal mit einem traumatischen Ereignis konfrontiert. Die Posttraumatische Belastungsstörung ist eine mögliche psychische Reaktion auf ein extrem belastendes Ereignis.

Was gaben Betroffene erlebt?

Auslöser sind Ereignisse wie körperliche und sexualisierte Gewalt, Vergewaltigung, Entführung, Geiselnahme, Terroranschlag, Krieg, Kriegsgefangenschaft, politische Haft, Folterung, Gefangenschaft in einem Konzentrationslager, Natur- oder durch Menschen verursachte Katastrophen, schwere Unfälle oder die Diagnose einer lebensbedrohlichen Krankheit. In vielen Fällen kommt es bei den Betroffen zu einem Gefühl von Hilflosigkeit und zu einer Erschütterung des Selbst- und Weltverständnisses.

Welche Symptome treten bei einer PTBS auf?

Symptome können unmittelbar oder auch mit (teils mehrjähriger) Verzögerung nach dem traumatischen Geschehen auftreten. Typisch für die PTBS sind die sogenannten Symptome des Wiedererlebens: Tagsüber sind es meist Erinnerungen an das Trauma, Tagträume oder Flashbacks; nachts haben die Betroffenen Angstträume.

Oft kommen Vermeidungssymptome hinzu: emotionale Stumpfheit, Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit gegenüber der Umgebung und anderen Menschen, aktive Vermeidung von Aktivitäten und Situationen, die Erinnerungen an das Trauma wachrufen könnten.Manchmal erinnern sich die Betroffenen nicht mehr an wichtige Aspekte des traumatischen Erlebnisses.

Ein weiteres typisches Merkmal ist der sogenannte  Zustand vegetativer Übererregtheit:, Das heißt, die Betroffenen leiden unter Schlafstörungen, Reizbarkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, erhöhter Wachsamkeit oder ausgeprägter Schreckhaftigkeit.

Wie lässt sich eine PTBS behandeln?

Die Behandlung besteht in erster Linie aus einer Psychotherapie, die sich auf das Trauma fokussiert, falls erforderlich mit medikamentöser Unterstützung. Neben der Behandlung der Begleitsymptome wie Angst, Depressivität oder Schlafstörungen, ist das Ziel, den Betroffenen zu helfen, Kontrolle über seine ungewollt auftretenden Erinnerungen zu erlangen. Zudem wird er dabei unterstützt, das Trauma als Teil seiner Lebensgeschichte zu integrieren, neuen Sinn im Leben zu finden und wieder arbeiten zu können.

Ist eine PTBS heilbar?

In der Mehrheit der Fälle sind die Heilungschancen gut. Voraussetzung: eine geeignete Therapie wird rechtzeitig eingeleitet.